Innovative technische Hilfen in der häuslichen Pflege
Technische Unterstützung im Alter (Ambient Assisted Living - AAL)
Thesen des Kreisseniorenrats Tübingen zu den Chancen aus der Sicht potentieller Anwender des häuslichen Wohnumfelds vom Oktober 2011
Wer sind potentielle Anwender von AAL-Produkten?
AAL- Produkte sollen älteren Menschen helfen, trotz körperlicher Einschränkungen, die mit dem Älterwerden einhergehen, in ihrer angestammten Wohnung und im heimischen Wohnumfeld möglichst lange selbstbestimmt leben zu können.
Potentielle Anwender sind damit im Wesentlichen Personen der Bevölkerungsgruppe der 4. Generation, d.h. Personen in einem Lebensalter von über 80 Jahren.
In Baden-Württemberg gehören dieser Generationengruppe 550 Tsd. Einwohner (Stand 2011) = 5 % der Landesbevölkerung an. Die Bevölkerungszahl dieser Generationengruppe wird sich voraussichtlich bis zum Jahr 2030 auf 800 Tsd. Einwohner = 7,5 % der Landesbevölkerung erhöhen.
Rein quantitativ gesehen lässt sich aus diesen Zahlen ein beachtliches Potential für die Anwendung von AAL-Produkten ableiten.
Verbale Akzeptanz und reale Anwendung
Umfragen zur Anwendung von AAL-Produkten zur Erleichterung des Lebens im der eigene Wohnung ergeben im Allgemeinen ein hohes Maß an Zustimmung. So kommt etwa eine Studie des Verbands der Elektrotechnik, Elektronik und Informationstechnik (VDE) zu dem Ergebnis „Senioren ziehen Roboter dem Altersheim vor“. Gefragt war nach der Akzeptanz von Haushalts- / Sevicerobotern als Haushaltshelfern und persönliche Assistenten
Die Zahl potentieller Anwender und die zu beobachtende große verbale Akzeptanz lassen durchaus den Schluss auf ein hohes Anwendungspotential zu.
Ein vorhandenes Anwendungspotential sagt allerdings nur etwas über durchaus vorhandene Möglichkeiten einer Anwendung aus. Anwendungspotential bedeutet eben nicht schon Anwendungsrealität. Die reale Anwendung von AAL-Produkten in der alltäglichen Haushaltspraxis des in Betracht kommenden Personenkreises ist noch nicht weit verbreitet. Es geht deshalb um die Frage, wie kommt man bei den im Interesse der Zielgruppe (Generationengruppe 80+) liegenden nützlichen und hilfreichen AAL-Produkten von der Anwendungsmöglichkeit zur Anwendungswirklichkeit.
Der Markt und das Marketing für AAL-Produkte
Das Entwickeln und Herstellen von AAL-Produkten läuft ins Leere, wenn diese Produkte am Markt nicht abgenommen werden. Personen der Generationengruppe 80 + - oder ihre Angehörigen - müssen auch bereit sein, diese Produkte zu erwerben, d. h. für sie - soweit sie finanziell dazu überhaupt in der Lage sind - Geld auszugeben.
Es kann nicht erwartet werden, dass „der Staat“ AAL-Produkte kauft und dann dem betreffenden Personenkreis zur Verfügung stellt. Da es um das persönliche Eigeninteresse, nämlich das möglichst lange selbstständige Leben in der eigenen Wohnung geht, kann auch nicht verlangt werden, dass etwa andere soziale Institutionen in Vorlage treten. Hier ist die ältere Generation selbst gefordert.
Damit AAL-Produkte am Markt abgesetzt, d. h. gekauft werden, ist eine entsprechende Marktstrategie unumgänglich. Dabei gilt es zu beachten, dass AAL- Produkte keine Selbstläufer sind. Niemand der Generationengruppe 80+ steht nachts auf, um zu den ersten Käufern zu gehören, wenn ein neues AAL-Produkt auf den Markt kommt. Man muß sich ganz im Gegenteil mit der Haltung auseinander setzen, warum für solche Geräte überhaupt Geld ausgegeben werden soll, wenn es sich wegen der begrenzten Lebenszeit ohnehin nicht mehr lohnt. Die paar Jahre gehe es doch auch noch so !
Vor diesem Hintergrund sollten beim Marketing für AAL-Produkte nicht Fragen der Verteilung sondern vielmehr die Akzeptanzgewinnung und die Überzeugungsarbeit im Mittelpunkt stehen. Dies setzt nicht zuletzt ein sprachliches Verhalten voraus, dass die Angehörigen der Zielgruppe Generation 80+ auch erreicht. Es empfiehlt sich daher, Marketing für AAL Produkte nicht für, sondern mit Seniorinnen und Senioren zu betreiben.
Auch sollten beim AAL-Marketing neue Kommunikationswege beschritten werden. Zu denken ist dabei an die Beteiligung von Kreis- und Ortsseniorenräten, den Stellen der Seniorenberatung und Seniorenhilfe sowie wegen ihrer besonderen Nähe zur Generationengruppe 80+ auch von Seniorenclubs. Bei einem AAL-Projekt der Universität Tübingen ist jedenfalls die Frage der Anwendungsvermittlung durch seniorennahe Institutionen ein wichtiger Bestandteil der Projektarbeit.
Das Prinzip „Einfachheit“ als gesellschaftlicher Trend?
AAL-Produkte werden vornehmlich für die Generationengruppe 80+ entwickelt und hergestellt. Sie müssen daher möglichst einfach konzipiert und handhabbar sein. Einfachheit darf jedoch nicht gleichgesetzt werden mit anspruchslos oder gar primitiv.
Es gilt ganz im Gegenteil in der Einfachheit einen Qualitätsstandard höchster Güte zu sehen. Nicht möglichst viel Technik und möglichst viele Anwendungsmöglichkeiten sollten der Maßstab für eine hohe Qualität sein, sondern die Einfachheit und die Leichtigkeit der Bedienung.
Nicht hilfreich ist hierzu das Beispiel der Berichterstattung in einer Zeitung, die unter der Überschrift „Computer speziell für Rentner“ die technische Entwicklung einer vereinfachten PC-Benutzeroberfläche beschreibt. Hier wird die Einfachheit des Geräts nicht als besonderer, für sich selbst stehender Qualitätsausweis des Produkts gewertet, sondern damit in Verbindung gebracht, dass man für ältere Menschen halt eine einfachere PC-Bedienung braucht, die man sonst gar nicht erst herstellen würde. Das neuentwickelte Produkt wird letztlich abgewertet, weil es ja nur etwas für „Rentner“ ist.
Die Frage ist, ob sich nicht über ein aus AAL- Produkten abgeleitetes Prinzip der Einfachheit ein gesellschaftlicher Trend setzen lässt. Beispiel hierzu wäre die „Slow Bewegung“, die mit Aktionen wie slow food oder slow city und den Anliegen „Qualität vor Quantität“ und Entschleunigung vor rastlosem Eilen“ einen positiven Trend begründet hat. Das Schlagwort hierzu könnte lauten „Das Einfache ist das Beste - Seniorinnen und Senioren geben den Anstoß zum neuen Denken!





